Zum ästhetischen Potential von Handyfilm

Eine theoretische Studie im Kontext der Film-Bildung

Dass Smartphones längst aus dem Alltag Jugendlicher nicht mehr wegzudenken sind und daher in der Schule nutzbar gemacht werden sollten, steht in ähnlicher Form in fast allen filmpädagogischen BringYourOwnDevice-Projekten, die sich in den letzten Jahren an Schulen und in medienpädagogischen Institutionen einer wachsenden Beliebtheit erfreuen. Die ubiquitäre Verfügbarkeit von Handys stellt jedoch noch kein schlüssiges Argument dafür dar, den Einsatz von Handys in der Filmvermittlung nicht kritisch zu hinterfragen. Diese Arbeit behandelt daher die Frage, ob mit dem Handy in schulischer und außerschulischer Filmvermittlung auch spezifische Bildungschancen verbunden sind.

Dabei gehören Film und Bildung nicht ohne Weiteres zusammen, sondern müssen zusammen gebracht werden. Wenn Bildung via Film, Film-Bildung, ermöglicht werden soll, dann kann der Film nicht als Aneignung von etwas Fremden, also als Rückführung von Fremden in Eigenes, verstanden werden, noch weniger als die Abwehr von Fremdem als Feindlichem. Das Fremde kann nur als Ausgangspunkt für ein ‚Worauf‘ des Antwortens auf diese Fremdheit gedacht werden und Filme als Antworten, bei denen sich nicht identifizieren lässt, worauf sie nachträglich antworten. Damit sind sie mögliche Ausganspunkte für Bildungsprozesse.

Insgesamt vereint das Handy unterschiedliche Aspekte, die in der Geschichte bereits isoliert auftraten. Die Besonderheit des Handys ist, dass es nicht primär für die Fotoaufnahme mitgenommen wird, sondern wegen des Vereinens seiner Funktionen und besonders seiner Kommunikationsfunktionen gschätzt wird.

Durch das ständige Mitführen erlaubt es dadurch eine sehr spontane Bildproduktion. Die Integration der Kamera in das Handy macht das Filmen zu einer ausgesprochen kostengünstigen Variante, um kurze Sequenzen aber auch längere Filme zu produzieren. Dabei steht das Handy in der Tradtition der Leica, die schon damals in der Handtasche mitgeführt wurde. Wie sie auch, erlaubt das Handy durch die geringe Größe das Fotografieren und Filmen aus ungewöhnlichen Positionen. Das Auge ist bei der Aufnahme vom Sucher gelöst und das aufgenommene Bild kann auf dem Display direkt mitverfolgt werden.

Das gemeinsame Aufnehmen eines Selfies kann in der Tradition der Polaroid-Kamera zum sozialen Ereignis werden und bietet die Möglichkeit das Foto direkt auf dem Display anzuschauen. Nicht nur Fotos, sondern auch aufgenommene Videos können auf dem Display überall wiedergegeben werden, sodass das Handy, wie der erste Kinematograph, Aufnahme-und Abspielmedium in einem ist, jedoch bei wesentlich geringerer Größe und Gewicht. Auch das Verbreiten von Videos über Bluetooth, Messaging-Dienste oder das Internet ist mit dem Handy deutlich vereinfacht.

Es ist also gleichzeitig Aufzeichnungs-, Speicher-, Wiedergabe- und Übertragungsmedium. Dabei lässt sich seine Hybridität in zwei Stränge zusammenfassen: Zum einen ist es ein Gerät der Rezeption von Medien, des Konsums und des Empfangs von Zeichensystemen und zum anderen eines der medialen Produktion, Aufzeichnung und des mobilen Sendens von Medieninhalten.

Zwei Projekte und deren Konzepte werden unter dem Aspekt des Auslösens von ästhetischen Bildungsprozessen beleuchtet. Die beiden Projekte stellen dabei unterschiedliche Aspekte beim Einsatz von Handys in den Vordergrund. Das deutsche Handyfilmprojekt MobileMovie fokussiert sich auf die Tragbarkeit, geringe Größe und mobile Verfügbarkeit des Gerätes und fragt dabei nach einer spezifischen Bildästhetik, die sich dadurch erzeugen lässt.

Das zweite Projekt betont weit mehr den Aspekt der Vernetzung. Der Einsatz von Handys wird im internationalen Handyfilmprojekt 24 Frames 24 Hours im Sinne eines Möglichkeitsdenkens für potenzielle Fremdheitserfahrungen beim aktiven Filmen mit den Handys erforscht. Diese Projekte werden somit auf ihr Bildungspotential hin untersucht.

Das Handy wird hier in seiner Rolle als Hybridmedium wichtig. Auch geht es hier um den Einsatz eines sozialen Mediums, an welches die Besitzerinnen gebunden sind und welches zur Selbstreflexion im Alltag dienen kann.

Im Anschluss an die Forschung lässt sich festhalten, dass das Handyfilmen von Jugendlichen gegenüber dem Fotografieren mit dem Gerät als neuere Kulturtechnik wahrgenommen wird, die noch nicht in gleichem Maße wie die Produktion von Fotos veralltäglicht ist. Handyfilme werden relativ zeitnah in die soziale Interaktion integriert und weniger aus der Retrospektive betrachtet und sind damit mehr Mittel der Kommunikation als der Erinnerung. Im Handyfilm scheinen Inhalt und Ästhetik zudem weit weniger codiert wahrgenommen zu werden als es im Handyfoto der Fall ist. Es zeigt sich nicht wie beim Handyfoto eine Konvention darüber, was ‚gute Bilder‘ oder ‚richtige Posen‘ seien. Handyfilme sehe man als Alternative zur Fotografie, um das eigene ‚In-der-Welt-Sein‘ über die Raum- und Zeit-Erfahrung des fotografischen Moments hinaus als Bewegung und Kontinuität wahrzunehmen.

Dem gegenüber stehen die neuen Herangehensweisen, die durch die Projekte vorgeschlagen werden und die Schülerinnen und Studentinnen in einen Prozess der Auseinandersetzung mit ihrer Filmwahrnehmung verwickeln sollen. Es zeigen sich in den Projekten Momente, in denen das als Informationsblick charakterisierte Blicken auf das Handy gebrochen wird und ein sehendes Sehen ermöglicht werden kann. Daneben werden Handlungsweisen vorgeschlagen, die sich von unseren alltäglichen absetzen und daher zu einem In-Beziehung-Setzen zu neuen Handlungen auffordern. Das Handy kann so zum Medium der Übersetzung subjektiver Sicht-und Erfahrungsweisen von Orten und außerdem zum Medium für Experimente mit Filmbildern werden. Dieses kann vorhandene Seh- und Handlungsgewohnheiten hinterfragen, das Welterschließungsrepertoire erweitern und schließlich Ausgangspunkte für Bildungsprozesse legen.

Jasmin Böschen


Foto_Böschen_JasminJasmin hat den Master in Freie Kunst (Film) abgeschlossen. Ihre Masterarbeit hat sie bei Andrea Sabisch und Manuel Zahn geschrieben.

Heute sagt sie zu ihrer Masterarbeit:

„Für mich als Filmemacherin und angehende Kunstlehrerin war die Bewegung im Feld der Film-Bildung von Anfang an interessant, da es hier nicht einfach darum geht didaktische Rezepte zu entwickeln, sondern vor allem um eine andere Form des Denkens von Filmvermittlung. Dieser Ansatz macht die Film-Bildung so spannend.“

Liebe Jasmin, viel Erfolg weiterhin und bleib StuZig!


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Die Autorin hat StuZ MuK diese Abschlussarbeit zur Verfügung gestellt. Sie ist nicht Teil der Veröffentlichung, sondern eine unveränderte Originalquelle, die von StuZ MuK archiviert wird.

StuZ MuK ist eine Studentische Zeitschrift für Medien und Kommunikation.

Es ist zu jedem Zeitpunkt zu beachten, dass die hier veröffentlichten Inhalte ausschließlich von Studierenden verfasst und publiziert wurden. Dieser Umstand erfordert immer eine besondere Rücksichtnahme bei der Bewertung der Inhalte. Wir wünschen uns, dass der Mut der Studierenden, sich mit ihren Arbeiten einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren, akzeptiert und anerkannt wird.

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