Theater als Sprachrohr für Nichtbürger in Europa („non-citizens of the EU“) 

The Lampeduzans, selbst organisiertes Theaterstück der Gruppe Lampedusa in Hamburg, als Modell für politisches Theater?

Kann Theater ein Sprachrohr sein? Und wenn ja, wie? Sprachrohre, die viele Menschen erreichen, sind mit Privilegien verknüpft. Fehlen Privilegien und Strukturen, um etwas auszusprechen, fehlt auch das Sprachrohr.

Die Refugee-Gruppe Lampedusa in Hamburg befindet sich in einem politischen Kampf. Nach der Flucht aus dem vom NATO-Krieg heimgesuchten Libyen, landeten tausende Geflüchtete, die die riskante Mittelmeerüberfahrt überlebt hatten, auf der italienischen Insel Lampedusa. Menschenunwürdige Zustände und eine Ausreiseaufforderung brachten einige von ihnen nach Hamburg. Hier organisierten sich die Refugees und gründeten die Gruppe Lampedusa in Hamburg, um ihre Rechte einzufordern und auf die Mitschuld der NATO-Staaten am Krieg hinzuweisen. Die Stadt Hamburg erkennt sie bis heute nicht als Flüchtlinge an, da sie sich nicht zuständig sieht. So handelt es sich um Geflüchtete, die auch als non-citizens klassifiziert werden können. Sie können trotz ihrer Existenz in Europa, nicht an den Privilegien der EU-Bürgerinnen teilhaben. Die Gruppe Lampedusa versucht auf mehreren Ebenen ihr Anliegen öffentlich zu artikulieren und arbeitet dafür auch mit theatralen Mitteln. Neben den Aktivistinnen der Gruppe versuchen viele Hamburger non-refugee Arktivistinnen die Forderungen der Gruppe zu unterstützen oder als ihre eigenen zu begreifen. Bei diesen Versuchen möchte ich die Frage nach einem möglichen Sprachrohr durch das Theater anbringen. Dort, wo Forderungen verstärkt werden könnten. Dort, wo politische Debatte geführt wird, wo gemeinsame Ziele formuliert werden und um Aufmerksamkeit gerungen wird. Theater als Sprachrohr für Unerhörte? Ich möchte vor allem dafür sensibilisieren, wer das Sprachrohr ergreift und wer es hält.

Mit dieser Arbeit und einer sowohl wissenschaftlichen als auch poetischen Reflexion des Theaterprojekts The Lampaduzans, werde ich die Arbeitsschritte, Erfolge und Misserfolge vor dem Hintergrund der Frage nach einem Sprachrohr sichtbar machen. Dabei orientiere ich mich an einer qualitativen Forschung wo die Entscheidung, in einem Feld forschend tätig zu werden, durch unsere persönliche Meinung bestimmt ist. Als ein politischer Aktivist im Zusammenhang mit geflüchteten Menschen schreibe ich aus einer autoethnografischen Perspektive und verwende selbstgeschriebene, poetische Texte um Perspektivwechsel zu ermöglichen: es ist ein Einblick in ein Sinn gebendes, kräftezehrendes und motivierendes Projekt. Eine Perspektive, welche die Thematik nicht bloß von außen beleuchtet, sondern vielleicht von innen auszufüllen vermag, um die thematische Befangenheit nicht zu verschleiern, sondern sogar herauszustellen und zu reflektieren. Kunst und Wissenschaft stehen dabei in keinem Widerspruch.

Ein Sprachrohr zu benutzen oder anderen zu geben, eröffnet einerseits die Thematik der Selbstbestimmtheit, fordert aber andererseits eine Auseinandersetzung mit Hilfeleistungen und Partizipation. Es stellt sich also die Frage nach Strategien, in denen politische Inhalte mit dem Theater verhandelt werden können. Dafür liefert diese Arbeit zuerst einen Überblick über das politische Theater in Deutschland und seine Geschichte, gefolgt von einer Untersuchung des zeitgenössischen politischen Theaters. Von Brecht, der als überzeugter Kommunist ein wichtiger Vertreter des politischen Theaters ist, welches er als ein Mittel sah, mit dem politische Veränderungen angestoßen werden können bis zu Peter Brook, der sich zu einer undogmatischen und politischen Theaterkonzeption bekennt. In den letzten 70 Jahren ist im politischen Theater ein Wandel in der Selbstverortung zum Inhalt und zur Realität zu erkennen. Das Dokumentartheater versuchte durch eine Abbildung der Realität zur Handlung aufzufordern. Die 70er Jahre waren geprägt von Versuchen, die Institution selber in den Fokus zu rücken: Beteiligung aller und Abschaffung der Hierarchien wurden bemüht. Bis heute bleibt beim politischen Theater immer die Frage, ob es sich als Teil der Verhältnisse begreift oder von außen auf sie zeigen möchte. Inwieweit Theater bereits als Sprachrohr agiert und welche Rolle Geflüchtete dort spielen, wird anschließend kritisch beleuchtet.

Eine Reise in die afrikanische Theaterkultur, speziell in die nigerianische Yoruba-Mythologie, zeigt westeuropäische Einflüsse auf heutige, postkoloniale Theaterpraktiken und führt uns letztendlich nach Hamburg. Dort entwickelten Mitglieder der Gruppe Lampedusa um den nigerianischen Regisseur Larry Macaulay, der ebenfalls eine Fluchtgeschichte durch den Libyenkrieg hat, sowie Spielerinnen und Unterstützerinnen aus Hamburg das Stück The Lampaduzans. Es ist ein gar nicht typisch europäisches Theaterstück, indem viele Elemente des Yoruba-Theaters wiederzufinden sind. Dieses traditionelle Theater ist dominiert von musikalischen Elementen, kombiniert aber Musik, Tanz und Sprache, wobei die Akteure nicht nur vorspielen oder darstellen, sondern auch Zelebranten eines rituellen Aktes sind. Als Mitgestalter und Teilhaber dieses Projekts beschreibe und reflektiere ich den Probenverlauf und die Aufführungen.

Abschließend setze ich die Ergebnisse des Projekts in Bezug zu den hier erarbeiteten Erkenntnissen des politischen Theaters und der Frage nach einem Sprachrohr.

Lionel Tomm


IMG_4731Lionel studiert inzwischen Performance Studies (M.A.). Seine Bachelorarbeit hat er bei Peer de Smit und Gabriele Schmid geschrieben.

Heute sagt er zu seiner Bachelorarbeit:

„Kunst hat die Möglichkeit eine Realität abzubilden, die noch nicht stattfindet. Wissenschaftliches Arbeiten erscheint mir viel starrer. Ich denke, dass Text immer persönlich befangen ist und wir dem Inhalt etwas nehmen, wenn wir nicht die Freiheit besitzen, auch persönliche und poetische Sprache zu verwenden.“

Lieber Lionel, viel Erfolg weiterhin und bleib StuZig!


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Der Autor hat StuZ MuK diese Abschlussarbeit zur Verfügung gestellt. Sie ist nicht Teil der Veröffentlichung, sondern eine unveränderte Originalquelle, die von StuZ MuK archiviert wird.

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