Rein theoretisch: Denken in Systemen – Systemtheorie nach Luhmann

Niklas Luhmann begann 1969 mit der Entwicklung der sogenannten Systemtheorie. Sein Ziel war es, mithilfe der Theorie sämtliche Bereiche der modernen Gesellschaft zu beschreiben und in ihrer Struktur zu verstehen (vgl. Rastelli 2008). Insgesamt arbeitete Luhmann im Zuge seines Forschungsprojekts Theorie der Gesellschaft fast 30 Jahre an dieser Theorie. Die Systemtheorie ist schon länger in der Wissenschaft etabliert und gewinnt immer mehr Anhängerinnen, sowohl bei Soziologinnen, Psychologinnen als auch bei Kommunikationswissenschaftlerinnen (vgl. Berghaus 2011: 24).

Die klassische Vorstellung von Systemen besteht dabei bereits seit dem 18. Jahrhundert (vgl. Milanova 2006). So arbeiteten mehrere Wissenschaftlerinnen unter dem Label ‚Systemtheorie‘, wie z.B. Talcott Parson. Er war von der Frage motiviert, wie sich innerhalb der komplexen und unüberschaubaren Gesellschaft der Moderne Ordnung erklären lässt und entwickelte die strukturell-funktionale Theorie (vgl. Rastelli 2008). Dieser Theorie zufolge werden Strukturen als gegeben und statisch angenommen. Funktionen dienen dabei zur Erhaltung dieser Struktur und somit zur Erhaltung des Systems.

Luhmann aber kehrt diese Theorie in die funktional-strukturelle Systemtheorie um. Demnach ist die Funktion eines Systems der Struktur eines Systems vorgeordnet. Ein wesentlicher Teil von Luhmanns Arbeit besteht in der Definition von Begriffen, die als eindeutige Kategorien die Grundlage für die Systemtheorie bilden sollen (vgl. Rastelli 2008). So führt er für seine Theorie das operative Begriffspaar System/Umwelt ein (vgl. ebd.). Die Idee, wie Systeme funktionieren, übernimmt Luhmann aus der Biologie (vgl. Milanova 2006). Diese analysiert, wie sich Organismen durch die ständige Regelung ihrer Körpertemperatur in einer verändernden Umwelt stabil halten. Luhmann übernimmt dieses biologische Modell und definiert soziale Systeme als wechselseitig aufeinander bezogene Handlungen, die sich von anderen Handlungen abgrenzen. Das System nach Luhmann „organisiert“, „selektiert“ und „operiert“ (ebd.). Alle Systeme sind dynamisch und bestehen aus „Operationen“ (ebd.). Luhmann unterscheidet dabei drei Systeme, die auf unterschiedliche Weise operieren. Biologische Systeme leben, psychische Systeme operieren in Form von Bewusstseinsprozessen wie Wahrnehmung/Denken und soziale Systeme in Form von Kommunikation (ebd.). Menschen bilden ihm zufolge keine Systeme, sondern vielmehr Konglomerate verschiedener Systemtypen. Der Körper ist demnach als biologisches, das Bewusstsein als psychisches und menschliches Handeln als soziales System zu verstehen (ebd.).

Das Basismerkmal System-Umwelt- Differenz der Theorie meint Folgendes: Luhmann postuliert, das jedes System eine selbst bestimmte Umwelt hat. Die Umwelt ist eine Konstruktion des Systems. Aussagen über die Welt lassen sich dabei also nur als Aussagen über Umwelten von Systemen treffen (vgl. ebd.: 39). Die Theorie beginnt letztlich auch mit dieser Differenz (vgl. ebd.). Umwelt ist für jedes System etwas anderes, nämlich das, was jeweils aus Sicht des Systems selbst außerhalb besteht (vgl. ebd.). Die Umwelt ist dabei immer größer und ungeregelter als das System. In der Umwelt existieren dann wieder weitere Systeme (vgl. ebd.: 42). Für Massenmedien ist z.B. alles, worüber die Medien Informationen erarbeiten und öffentlich verbreiten, Umwelt (vgl. ebd.). Zur Umwelt bestehen dabei keine direkten Reiz- Reaktions-Beziehungen. Stattdessen werden in den einzelnen Systemen alle Operationen, z.B. Kommunikation und Entscheidungen, auf sich selbst bezogen und die weiteren Operationen als Elemente des Systems aus sich selbst konstituiert (vgl. Runkel 2005: 7). Deshalb bezeichnet Luhmann Systeme als selbstreferentiell und autopoietisch (selbst-herstellend). Weitere wichtige zentrale Grundbegriffe, die der Theorie zugrunde liegen, lauten: Beobachtung (1. und 2. Ordnung), strukturelle Kopplung und Anschlussfähigkeit des Systems.

Luhmann wendet die Theorie im seinem Werk Die Realität der Massenmedien auf die Medien an. Eine zentrale These darin lautet: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien“ (Luhmann 1996: 9). Auch Medien- und Kommunikationswissenschaftlerinnen wie z.B. Stefan Weber mit seinem Aufsatz Systemtheorien der Medien knüpfen an die Theorie an (vgl. Weber 2003).

Kritik wird an der Theorie insofern geübt, dass sie als Metatheorie einen hohen Abstraktionsgrad aufweist und erst konkrete Erkenntnisse liefert, wenn sie auf einzelne Wissenschaftsbereiche angewendet wird (vgl. Lindemann 2011: 44). Außerdem stellt die Systemtheorie kein in sich geschlossenes Theoriegebäude dar. Die in ihr innewohnende Interdisziplinarität führt zu einer kaum überschaubaren Vielfalt an systemtheoretisch geprägten Ansätzen in der Biologie, Soziologie, Psychologie und weiteren Bereichen (vgl. ebd.). Ebenso ist die Abkehr von der klassischen Ursache-Wirkungs-Beziehung eine der bedeutendsten Kritikpunkte an der Theorie (vgl. ebd.)

Die Systemtheorie mag durch Ihre Komplexität und abstrakten Begriffe zunächst Berührungsängste wecken. Eine tiefergehende Beschäftigung mit entsprechender Literatur liefert jedoch spannende Einblicke in die systemischen Ansätze und Denkweisen.

Catharina Gerber

Literatur

Berghaus, Margot (2011). Luhmann leicht gemacht: Eine Einführung in die Systemtheorie. Köln: UTB.
Lindemann, Michael (2011). Der Einfluss von Innovationen auf die Wettbewerbspositionen von Telekommunikationsnetzen. Köln: Kölner Wissenschaftsverlag.
Luhmann, Niklas (1996). Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Milanova, Mihaela und Christa Weber (2006). „Gesellschaftstheorien: Systemtheorie 1“. <http://luhmann.uni-trier.de/index.php?title= Gesellschaftstheorien_1:_Systemtheorie#Geschichte_und_Entwicklung_der_Theorie>.(14.12.2015).
Rastelli, Simone (2008). „Die Soziologische Systemtheorie von Niklas Luhmann - ein Überblick“. <http://www.ndr.de/kultur/geschichte/koepfe/luhmann132.html>.(16.12.2015).
Runkel, Gunther und Günter Burkhart (2005). „Einleitung: Luhmann und die Funktionssysteme“. Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann. Burkart, Günther (Hrsg.). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. S.7-11.
Weber, Stefan (2003). „Systemtheorie der Medien.“. Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus. Weber, Stefan (Hrsg.). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft. S. 202-223.

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