Inszenierungsanalyse: Der Gott des Gemetzels – die Maske der Kultiviertheit auf der doppelten Ebene der Performativität

Kulturelle Präsentationen sozialer Rollen der Figuren im Rahmen der schauspielerischen Darstellung zum Erspielen der Figuren

Anhand einer Inszenierungsanalyse des Stücks Der Gott des Gemetzels nach Yasmina Reza wird eine doppelte Performativität zwischen der eigenen Persönlichkeit der Darsteller und der dargestellten Figur untersucht.

Im Stück treffen zwei Elternpaare aufeinander ob einer handgreiflichen Auseinandersetzung ihrer Söhne, wobei sich das vermeintlich kooperative Gebaren der Eltern nach und nach als nur mehr vorgetäuschte Zivilisiertheit herauskristallisiert.

Die Eheleute Houillé haben die verheirateten Reilles zu Gast, nachdem deren Sohn dem Sprössling der Houillés mit einem Stock Zähne ausgeschlagen hat. Jurist Alain Reille – mehr mit seinem Handy als mit irgendetwas sonst beschäftigt – und seine Frau Anette geben sich zunächst schuldbewusst, doch mit zunehmendem Einnehmen einer Opferrolle durch die Houillés weichen zugleich die zunächst klaren Positionen auf. Michel Houillé hat einen Hamster getötet und ohnehin einen Hang zur Aggression; und während nach und nach der Streit – durch Alkohol angetrieben – eskaliert, finden sich unter den Ehepaaren stets neue Feinde und Verbündete. Dass „Der Gott des Gemetzels“ herrsche, hat Alain gewusst. Und fernab ihrer gewohnten soziokulturellen Attitüde erfahren es auch die anderen.

Die Figuren des Stücks stellen performativ soziale Rollen dar, die zunächst eine Kultiviertheit im Miteinander der Protagonisten suggerieren. Diese vermeintliche Kunst der Zivilisation hat aber nur so lange Bestand, wie auch die Figuren diese Rollen aufrechterhalten. Die Kunst der Zivilisation wird durch die Maske der Kultiviertheit dargestellt. Erst durch das Aufkommen wahrer Identitätsmerkmale wird diese Maske der Kultiviertheit abgelegt. Sowohl das Vortäuschen ihrer sozial und kulturell harmonierenden Rollen als auch der stetige Wandel der Charaktere hin zu konfliktreicheren Charakteren beruhen auf performativen Handlungen. Das Performieren genannter Rollen wird nun von einer anderen Ebene, und zwar durch das performative Erspielen der Figuren von Seiten der Schauspieler, überlagert. Diese doppelte Performativität sowie der besondere Stellenwert der performativen Momente bei dem durchaus dialogreichen Stück werden in der Ausarbeitung nachvollzogen. Auf Basis der Performativitätstheorie von Erika Fischer-Lichtes und Jacques Derrida wird die Performativität der Sprache, der Körperlichkeit und im spezifischen Bühnenkontext beleuchtet und auf die Thematik des Stücks bezogen, das mit seiner Behandlung sozialen Verhaltens also eine Metaebene des eigentlichen Performierens der Darstellerinnen zeigt.

An dem Beispiel alkoholisierter Figuren zeigt sich wie diese im Moment ihres Konsums von der Maske der Kultiviertheit ablassen. Sie entledigen sich also ihrer performierten Rollen im Sozialgefüge während die Darsteller jedoch gerade in dieser Szene auf entsprechende Charakteristika ihrer Performativität zum Erspielen dieser Figuren angewiesen bleiben. Abschließend gibt eine Darstellung der Rezeptionswirkung eine Aussicht auf die Geltung der doppelten Ebene der Performativität fur das Empfinden theatraler Darbietungen – und damit auf die Relevanz der herausgestellten Thematik der doppelten Performativität auf dem Theater.

Niklas Lewanczik


Foto_Lewanczik_NiklasNiklas studiert Deutsche Sprache und Literatur im Hauptfach und Medien- und Kommunikationswissenschaft im Nebenfach. Seine Hausarbeit hat er im 2. Semester im Seminar „Grundlagen der Medien: Theater“ bei Martin Jörg Schäfer geschrieben.

Heute sagt er zu seiner Seminararbeit:

„Das Phänomen der Performativität im ganz realen Theaterspiel zu suchen, war für mich vor allem ab dem Moment wirksam, als das Performieren sich auf doppelter Ebene zeigte. Die Beier-Inszenierung von Rezas Gott des Gemetzels bot dafür eine bestmögliche, ambige Analysegrundlage.“

Lieber Niklas, viel Erfolg weiterhin und bleib StuZig!


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