Filmtipp: Clouds of Sils Maria

Clouds of Sils Maria von Olivier Assayas aus dem Jahr 2014 erzählt die Geschichte der Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche), die nach dem Tod eines befreundeten Theaterregisseurs eine Rolle in der Reinszenierung eines seiner Stücke annimmt – des Stücks, durch das sie berühmt wurde. Es handelt von einer Frau namens Helena, die von einer viel jüngeren Büroaushilfe, Sigrid, verführt wird. Die komplizierte, von Abhängigkeit geprägte Beziehung endet letztlich mit dem angedeuteten Selbstmord Helenas. In der ursprünglichen Inszenierung und in der Verfilmung des Stückes spielte Enders die manipulative und verführerische Sigrid, mit der sie sich immer noch stark identifiziert. Jetzt jedoch soll sie Helena spielen, eine Rolle, die sie mit ihrem eigenen Älterwerden konfrontiert und die ihr große Schwierigkeiten bereitet. Die Rolle der Sigrid wird übernommen von einem jungen Hollywoodstar, Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz). Nachdem klar wird, dass Maria aus ihrem Vertrag für das Stück nicht mehr herauskommt, zieht sie sich mit ihrer jungen Assistentin Valerie (Kristen Steward) in die Berge zurück, um in Ruhe ihren Text zu proben. Doch als sich Maria mehr und mehr in ihre selbstverleugnende Abneigung gegen ihre Rolle hineinsteigert und immer besessener wird von Jo-Ann Ellis, verschlechtert sich auch die Beziehung dieser beiden Frauen.

Coming-of-Age-Filme gibt es viele. Auch Filme über das hohe Alter sehen wir gelegentlich. Wirklich selten jedoch setzen sich Filmemacher mit dem auseinander, was dazwischen passiert: wenn einem zum ersten Mal bewusst wird, dass man altert. Clouds of Sils Maria nimmt sich dieser Problematik mit viel Feingefühl an. In ruhigen Bildern lässt sich der Film Zeit, um die Charaktere auszuleuchten. Er wird eingerahmt von dem immer wiederkehrenden Motiv des Wolkenphänomens „Malojaschlange“. Eine melancholische und verletzliche Juliette Binoche spielt überzeugend die zerrissene Frau, die nicht mehr die ist, für wen sie sich hält. Eine richtiggehende positive Überraschung ist Kristen Stewart, die für diese Rolle sogar den Preis César bekam. Aus vielen ihrer bisherigen Filme kennt man sie relativ ausdruckslos oder weinerlich. In diesem Film spielt sie jedoch sehr nuanciert die lebenshungrige und ein bisschen undurchdringliche Valerie, die mit ihrer Weltsicht in vielerlei Hinsicht einen Gegenpol zu Maria Enders darstellt. Und: Stewart kann auch lachen! Die Darstellung der Konflikte selbst erhält durch Parallelen zwischen dem Stück und den Konflikten der Charaktere in deren wirklichem Leben eine neue Tiefe. Vor allem während der Proben in den Bergen, für die Valerie die Rolle der Sigrid einnimmt, verschmelzen Theaterskript und reale Konflikte untrennbar. Auch die Beziehungen zwischen den Personen, nicht zuletzt zwischen Maria Enders und Jo-Ann Ellis, sind stark geprägt von ihren jeweiligen Rollen im Theaterstück.

Die ungewöhnliche Thematik und die eher auf künstlerischen als auf kommerziellen Wert abzielende Darstellungsweise haben den Film bei vielen unter den Radar fallen lassen. Er ist jedoch so vielschichtig, dass jeder sich in der einen oder anderen Figur wiederfinden kann.

Pauline Resch

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