Deterritorialisierung, Reterritorialisierung und die Bedeutung von Orten

Diese ethnologische Arbeit handelt von der Frage, was das ‚Lokale‘, in einer Gegenwart und einer Welt bedeuten, die als globalisiert gilt und wo Phänomene wie Entwurzelung und Heimatlosigkeit den Menschen von heute zu beschreiben scheinen.

Meine Arbeit ist literaturgestützt und theoretisch angelegt. Mit Hilfe zentraler ethnologischer, soziologischer, medienwissenschaftlicher und geographischer Literatur setze ich mich mit den Argumenten unterschiedlichster Autoren auseinander und analysiere die Rolle von Kommunikationstechnologien hierin. Das Ziel dieser Arbeit ist zu zeigen, wie der Ort und seine Bedeutung durch eine veränderte Beziehung des Menschen zum Ort im Wandel begriffen ist. Dieser Wandel vollzieht sich im Zuge eines veränderten Bewusstseins der Menschen für die Welt und ihrer eigenen Identität darin.

Startpunkt meiner Analyse ist Marc Augés Behauptung, dass sogenannte Nicht-Orte auf der Welt zunehmend an Bedeutung gewinnen. Nicht-Orte zeichnen sich vor allem durch den Verlust von Qualitäten aus, die für Orte kennzeichnend sind und diese einzigartig machen: Identität, Geschichte und Relationen. Der Übergang von Orten zu Nicht-Orten schafft damit ein tiefes Gefühl der Entwurzelung, die in engem Zusammenhang mit Globalisierungsprozessen zu stehen scheint. Doch ein Blick auf ethnologische Debatten zeigt, dass hier zwei verschiedene Konzepte vom „Ort“ zum Tragen kommen. Zum einen kann der Ort in seiner Qualität als ‚das Lokale‘ identifiziert werden, eine Art konkreter, physischer Ansammlungs-und Begegnungspunkt, wie etwa ein bestimmtes Dorf. Zum anderen geht es hier um die Idee von Lokalität, eine Art Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit. Dieses Gefühl muss nicht unbedingt mit ersterem Ort zusammenhängen. In der Tat, in gegenwärtigen Prozessen bewegen sie sich sogar auseinander. Was in Globalisierungsdiskursen als Deterriorialisierung beschrieben wird, erweckt daher fälschlicherweise den Eindruck, dass der Mensch nomadisch geworden ist und zwischen vielen verschiedenen physischen Orten pendelt. Was sich zeigt, ist jedoch eine ganz andere Dynamik. Es ist die Herstellung von Lokalität, die sich von konkreten, situierten Orten abzulösen scheint. An diesem Prozess sind moderne Kommunikationstechnologien maßgeblich beteiligt.

Auf der einen Seite kreieren und verstärken Kommunikationstechnologien das Gefühl von Heimatlosigkeit, indem sie unser Konzept vom Ort verändern. Durch Kommunikationstechnologien wie Mobiltelefone ist eine Person für andere erreichbar, auch wenn diese erste Person sich in weiter physischer Entfernung zur zweiten befindet. Da die Kommunikation unabhängig vom Standort der Kommunizierenden erfolgen kann, setzt eine Verlagerung von Interaktion von lokalen Orten in physisch entfernte Orte ein. Grenzen und Entfernungen zwischen Orten verschwinden so. Das Leben von Menschen scheint weniger territorial organisiert. Auch klassische Massenmedien wie das Fernsehen (und verstärkter noch das Internet) tragen hierzu bei. Indem uns diese Medien täglich mit Bildern und Eindrücken aus der ganzen Welt versorgen, schaffen sie das Gefühl, dass durch sie ein vollständigeres, den Umfang der lokalen Erfahrungen überschreitendes Bild der für die Menschen belangvollen Welt vermittelt wird. Mit dem Aufkommen einer globalen oder transnationalen Öffentlichkeit scheinen konkrete Orte als diskret wahrgenommene, aber auch als kontextgenerierende Einheiten also überholt. Die Autorität des Lokalen wird untergraben und Entwurzelung und Heimatlosigkeit gewinnen Überhand.

Doch das ist nicht der Endpunkt dieser Entwicklung, denn auf der anderen Seite bieten Kommunikationstechnologien Individuen auch die Möglichkeit, den Raum und die Bedeutung von Orten neu zu gestalten und zu reterritorialiseren.

Menschen verlieren sich daher nicht in Ortlosigkeit, sondern schaffen sich in einer verflochtenen Welt mit Hilfe der selben Kommunikationstechnologien neue Ordnungs- und Bezugssysteme. In diesem Ordnungssystem spielt physische Nähe eine untergeordnete Rolle. Der konkrete Ort selbst rückt in den Hintergrund und stattdessen gewinnen Verbindungen zwischen Orten an Bedeutung.

Hier gewinnt auch der Begriff „Glokalisierung“ an Bedeutung. Das Gefühl von Heimat ist nicht mehr in rein lokalen Begriffen formuliert, sondern auch in globalen. Menschen ziehen unterschiedlichste und entfernteste Orte der Welt heran (echt oder vorgestellt), um ein Gefühl von Intimität und Lokalität zu schaffen.

Laura Parrága González


Foto_Gonzalez_LauraLaura studiert aktuell den Master of Digital Anthropology am University College London. Ihre Bachelorarbeit hat sie bei Otto Habeck und Michael Pröpper geschrieben.

Heute sagt sie zu ihrer Bachelorarbeit:

„Diese Arbeit ist aus meinem Interesse an digitaler Ethnologie entsprungen, einem Bereich, der an der Universität Hamburg kaum Aufmerksamkeit erhält. In dieser Hinsicht war sie auch ein Experiment: Die Verknüpfung alter Ideen aus der Ethnologie mit denen neuer Technologien.“

Liebe Laura, viel Erfolg weiterhin und bleib StuZig!


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Die Autorin hat StuZ MuK diese Abschlussarbeit zur Verfügung gestellt. Sie ist nicht Teil der Veröffentlichung, sondern eine unveränderte Originalquelle, die von StuZ MuK archiviert wird.

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