Ausweitung der Schaffenszone 

Ein Vergleich der Repräsentation von Arbeit in den Hollywoodfilmen Wall Street und Wall Street: Geld schläft nicht 

Die Finanzkrise ab 2007 mit ihren noch immer anhaltenden Auswirkungen auf Unternehmensinsolvenzen, Staatsschulden und Realwirtschaft brachte in ihren Folgejahren eine Reihe von Veränderungen, sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene mit sich. Vor allem aber wurde seit der Krise eine Kritik am Kapitalismus wiederentfacht, die noch in den Jahren zuvor verschwindend gering war und weder auf gesellschaftlicher noch auf soziologischer Ebene annähernd an die kritische Stoßkraft des Jahres 1968 anknüpfen konnte. Occupy-bzw. Blockupy-Bewegungen auf gesellschaftlicher Seite und internationale Bestseller wie Das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty auf wissenschaftlicher Seite dokumentieren hingegen exemplarisch das 15

erneute Aufleben jenes kritischen Momentes. Folgt man der Kapitalismuskonzeption von Boltanski/Chiapello sollte im Sinne der Rechtfertigungslogik hieraus, wie schon vor 30 Jahren, erneut eine Anpassung des Kapitalismus an die ihm entgegengebrachte Kritik folgen und zu einer Generierung neuer Anreize sowie Anforderungen in der Arbeitswelt führen. Ziel dieser Arbeit ist, es folgerichtig zu prüfen, inwiefern die von Boltanski/Chiapello beschriebenen Anforderungen und Arbeitsverhältnisse der dritten und letzten Phase des Kapitalismus noch Gültigkeit besitzen und dem Zeitgeist der „Post- Finanzkrisenjahre“ bzw. 2010er Jahre entsprechen. Im Gegensatz zum Vorgehen von Boltanski/Chiapello erfolgte hierzu jedoch keine Untersuchung von Managementratgebern, sondern eine vergleichende Analyse von populärkulturellen Darstellungen des Finanzkapitalismus in zwei Hollywoodfilmen. Zur größtmöglichen Vergleichbarkeit der Arbeitsrepräsentationen wurden mit den Filmen Wall Street aus dem Jahr 1987 und Wall Street: Geld schläft nicht aus dem Jahr 2010 zwei Filme interpretiert, die nicht nur die gleichen Berufe und das gleiche Arbeitsgebiet behandeln, sondern darüber hinaus, für das Forschungsanliegen, nahezu optimale Veröffentlichungszeitpunkte aufweisen. Aufgrund ihrer maßgeblichen Stärken erfolgte die methodische Umsetzung dieses Vorhabens mithilfe der dokumentarischen Filminterpretation, auch wenn diese bis dato lediglich bei kurzen Filmsequenzen, wie bspw. Musikclips oder TV-Trailer Verwendung fand. Besondere Relevanz erfährt das Forschungsanliegen somit dadurch, dass es sowohl einen bedeutenden Erkenntnisgewinn auf theoretischer Ebene verspricht und aktuelle Entwicklungstendenzen thematisiert sowie darüber hinaus eine, in diesem Umfang noch nie durchgeführte Spielfilmanalyse mithilfe der dokumentarischen Filminterpretation vollzieht. Mithilfe systematisch und methodisch kontrollierter Analysen von beispielsweise Kameraeinstellungen, Montagen und Fotogrammen ist es so möglich zu zeigen, wie auch formale Aspekte von Filmen selbst zu Bedeutungsträgern werden.

Auf theoretischer Ebene kann die Filminterpretation vornehmlich gegenwärtige Theorien zur arbeitsweltlichen Situation der Spätmoderne bestätigen. Anzeichen oder Indizien für den Anbruch einer gänzlich neuen Epoche werden demgemäß nicht ausfindig gemacht. Ebenso lassen sich in den Filmen kaum Hinweise zu Reaktionen auf Kritikpunkte der arbeitsweltlichen Veränderungen ausmachen. Vielmehr spiegelt der Filmvergleich den Wandel zwischen verlängertem Ende der Moderne und Hochphase der Spätmoderne wider. Statt Reaktionen auf die Beschleunigungswelle und mögliche Anpassungen auf die Kapitalismuskritik der ‚Post-Finanzkrisenjahre‘, die beide als Indizien für eine neue Epoche hätten ausgemacht werden können, zeigt die Filminterpretation somit vielmehr eine Bestätigung diverser Arbeitstheorien. Ertragreich ergänzt werden diese jedoch durch gewonnene Erkenntnisse zur nahezu paradigmatisch anmutenden Ausweitung der gesamten Arbeitsrepräsentation.

So erscheinen die Arbeitsstrukturen im Film von 2010 im Vergleich zu 1987 deutlich offener und flexible Arbeitszeiten lösen nun die starren Arbeitsrhythmen ab. Flache Hierarchien öffnen 2010 die Grenzen zwischen den Angestellten und Chefs und führen mitunter zu mehr Autonomie, Partizipation, Handlungsmöglichkeiten, aber auch Verantwortung der Angestellten. Technologische Weiterentwicklungen von Mobiltelefonen und Notebooks weiten den potentiellen Arbeitsplatz ins nahezu Unendliche aus und die Vernetzung auf sozialer wie auch technischer Ebene vervielfacht sich. Wird die Repräsentation von Arbeit somit insgesamt betrachtet, lässt sich vor allem eine Ausweitung der Schaffenszone als größte Veränderung zwischen den beiden Filmen bzw. Jahren ausmachen.

Des Weiteren bleibt jedoch zu konstatieren, dass die dargestellte Weite und gewonnene Autonomie der neuen Zeit nicht zwangsläufig zu einer größeren Freiheit der Subjekte führt. So besteht stetig die Gefahr, dass Erweiterungen der Handlungs-und Partizipationsmöglichkeiten gleichzeitig auch mit mehr Aufgaben und einer größeren Verantwortung einhergehen. Neben Aktivierungs-und Vernetzungsimperativen treten zudem vermehrt ‚neosoziale‘ Imperative an die Subjekte heran. Diese sehen sich nun zum einen in der Verpflichtung, ihre scheinbar gewonnene Freiheit zwanghaft optimal ausschöpfen zu müssen und zum anderen der erweiterten Verantwortung nachzukommen, indem sie beipielsweise wie in Wall Street (2010) zu sehen ist, nahezu unerreichbare Ideale verwirklichen wollen. Auf methodischer Ebene wird gleichzeitig ersichtlich, dass zwar geringe Abweichungen bei der Anwendung der dokumentarischen Filminterpretation auf Spielfilme nahezu unumgänglich sind, die Methode insgesamt jedoch durchaus auch auf längere Kinofilme sinnvoll anwendbar ist.

Daniel Burghardt


Foto_Burghardt_DanielDaniel hat den Master in Soziologie abgeschlossen. Seine Masterarbeit hat er bei Urs Stäheli und Alexander Geimer geschrieben.

Heute sagt er zu seiner Masterarbeit:

„Ein persönliches Anliegen beim Forschungsvorhaben bestand darin, sich wieder dem Produkt bzw. Film selbst zu widmen und nicht nur auf Rezeptionsanalysen zu beschränken. Ich wollte damit in den Fokus rücken, dass Bedeutungen bereits im Text verankert sind und nicht derart beliebig vom Betrachter produziert werden wie es in heutigen Debatten oft erscheint.“

Lieber Daniel, viel Erfolg weiterhin und bleib StuZig!


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Der Autor hat StuZ MuK diese Abschlussarbeit zur Verfügung gestellt. Sie ist nicht Teil der Veröffentlichung, sondern eine unveränderte Originalquelle, die von StuZ MuK archiviert wird.

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