Wo Unsichtbares sichtbar wird und die Ursache unsichtbar bleibt

Jean-Luc Godards Le Mépris als Versuch einer Reflexion auf das Kino

Die Tatsache, dass der Zuschauer im Kinosaal dem immersiven Potenzial medialer Bilder unterworfen ist, lässt uns vergessen, dass auch die auf der Leinwand abgebildete Geschichte erst erzählt und gesehen werden kann, wenn ihr der Blick einer technischen Apparatur vorausgeht.

Jean-Luc Godard lotet in seinem Film Le Mépris die Grenzen der filmischen Darstellung aus, indem er die bildgenerierende Existenz der Kamera nicht verschweigt, sondern ins filmische Bild einschreibt. Bereits im Prolog gibt er den Blick auf die Kameralinse frei und offenbart den Ursprung des filmischen Bildes, dessen Abwesenheit eigentlich Garant sein soll für die sukzessive Verschmelzung des Zuschauers mit der Geschichte.

Problematisch wird dieser Blick in die Kamera jedoch mit der Erkenntnis, dass auch dieser Blick Ursprung einer technischen Apparatur sein muss, und zwar einer anderen, gegenüberliegenden.

Die für diese Arbeit zentrale Frage ist, auf welchen Ebenen sich filmische Selbstreflexivität vollzieht und inwieweit der freie Blick auf die Kamera überhaupt ein neutraler, unvoreingenommener sein kann. Ist der Reflexionsprozess, der auf den filmischen Blick und auf die Medialität des Bildes verweisen soll, nicht auch gleichzeitig dem Medialen selbst unterworfen?

In Anlehnung an die Apparatus- Theorie und die Konzepte der Suture und der Enunziation wird die grundlegende Problematik der filmischen Autothematisierung untersucht und festgestellt, dass das für den Zuschauer sichtbare Feld des filmischen Bildes unauflöslich an die Absenz der Filmkamera gekoppelt ist und dass in dieser Paradoxie die Utopie einer vollständigen Selbstreflexion konserviert ist.

In Hinblick auf Gerard Genettes Erzähltheorie werden zudem die narratologischen Besonderheiten des Films analysiert. Dabei lässt sich konstatieren, dass diese im Verlauf des Films zunehmend in Godards Bildsprache gespiegelt werden. Durch zahlreiche Subtexte verweist Godard außerdem selbstreflexiv auf die Filmgeschichte und sein eigenes OEuvre. Er thematisiert mit der Verfilmung der Odyssee auch das eigene Filmprojekt und die Problematik der Transformation eines Stoffes in ein anderes Medium.

Abschließend kann festgehalten werden, dass filmische Selbstreflexivität auf allen Ebenen denkbar ist. Dennoch bestätigt sich bei näherer Betrachtung die Vermutung, dass es auch hier Grenzen in der Darstellbarkeit gibt und dass dem Kino eine unsichtbare Außenseite immanent ist, die letztendlich eine vollkommende Auflösung der Immersion unmöglich macht.

Susan Engels


Susan studiert Medienwissenschaft (Master) . Ihre Hausarbeit hat sie im 4. Semester im Seminar „Mediale Selbstreferentialität: Hörspiel, Film“ bei Dr. Heinz Hiebler geschrieben.

Heute sagt Susan zu ihrer Hausarbeit:

„Es war spannend, sich mit den Grenzen der Selbstreflexivität auseinanderzusetzen und diese anhand von theoretischen Konzepten genauer zu untersuchen. Dass sich eine Kamera nicht selbst beim Filmen filmen kann, ist ein unlösbares Grundproblem und zeigt die Paradoxie medialer Selbstreflexivität.“

Liebe Susan, viel Erfolg weiterhin und bleib StuZig!

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