Rein theoretisch: Nachrichtenwerttheorie

Jeder, der sich innerhalb seines Studiums einmal mit Nachrichten beschäftigt hat oder selbst als Journalist tätig geworden ist, wird sicherlich auf den Begriff der Nachrichtenwerttheorie oder des Nachrichtenwertes gestoßen sein. Grundannahme der Theorie beruht auf der Selektion der Information durch Journalisten und Redaktionen, um sie auf den Veröffentlichungsrahmen des jeweiligen Mediums zuzuschneiden. 1922 beschrieb Walter Lippmann, Begründer der Theorie, in seinem Werk „The nature of News“ dieses Problem wie folgt: Egal wie lange alle Journalisten der Welt arbeiten würden, sie könnten nie alle Geschehnisse auf der Welt in ihrer gesamten Masse bezeugen und als Nachrichten an die Öffentlichkeit tragen (vgl. Lippmann 1922: 338). Journalisten sehen sich einer Informationsflut gegenüber, die sie systematisieren und ordnen müssen, um dann die berichtenswerten Themen und Ereignisse auszuwählen (vgl. Maier 2010: 13). Das Selektieren von Nachrichten und Meldungen macht den größten Teil ihrer Arbeit aus. Die Nachrichtenwerttheorie versucht diese Selektion nachzuvollziehen und somit drei Sachverhalte zu erklären: die Auswahl der Nachrichten selbst, deren Umfang und deren Platzierung (vgl. Kepplinger / Rouwen 2000: 462-475).

Lippmann benannte 1922 in seinem Werk Public Opinion so genannte ‚news values’ oder Nachrichtenfaktoren, also Merkmale, die die journalistische Veröffentlichungswahrscheinlichkeit von Geschehnissen bestimmen (vgl. Fretwurst 2008: 15). Erhöht sich eine Veröffentlichungswahrscheinlichkeit einer Meldung durch einen Nachrichtenfaktor, so erhält sie Nachrichtenwert. Durch einen Nachrichtenwert wird also die mediale Bedeutung eines Themas bemessen (vgl. Boetzkes 2008: 55). Nach Lippmann gelten hierbei die Nachrichtenfaktoren als die an die journalistische Profession gebundenen Wahrnehmungskriterien, um möglichst schnell relevante Informationen aus einer komplexen Informationsmasse zu filtern (vgl. ebd.: 15). Auf der Theorie Lippmanns aufbauend wurden in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts diverse Experimente zur Selektionsentscheidung von Journalisten durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass das Selektionsverhalten von den Nachrichtenfaktoren abhängig sei. Parallel entwickelte Einar Östgaard ein komplexes Konzept des Nachrichtenflusses, welches sich ebenfalls auf Nachrichtenfaktoren als Ursache für dessen Verzerrung stützte. Aus diesem Konzept entwickelten Galtung und Ruge 1965 die erste umfangreiche Liste an Nachrichtenfaktoren für empirische Analysen (vgl. Maier 2010: 18), welche als Grundlage für zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten dient und diente (vgl. Boetzkes 2008: 57ff.). Die von Galtung und Ruge erstellte Auflistung umfasste die 12 Nachrichtenfaktoren Frequenz, Schwellenfaktor, Eindeutigkeit, Bedeutsamkeit, Konsonanz, Kontinuität, Variation, Elite-Nationen, Elite- Personen, Personalisierung und Negativismus (vgl. Galtung/ Ruge 1965: 65-68). Zusätzlich etablierten sie die quantitative Inhaltsanalyse als vorherrschendes Instrument der Forschung an der Nachrichtenwerttheorie, welche aber in starke Kritik geriet, da sie lediglich Schlüsse aus den bereits selektierten Daten ermöglichte und keinen Vergleich zur ‚Realität‘ der Geschehnisse liefern konnte.

Folge der Kritik war eine 1976 durch Winfried Schulz eingeleitete theoretische Neuorientierung. Schulz entwickelte aus der Arbeit von Galtung und Ruge 18 Nachrichtenfaktoren, die er unter 6 Kategorien zusammenfasste. Er definierte dabei Nachrichtenfaktoren als bestimmte Ereignismerkmale, welche durch ihre spezifische Intensität und Kombination jedem Ereignis einen spezifischen Nachrichtenwert verleihen (vgl. Maier 2010: 19). Dieser Nachrichtenwert entscheidet dann über die Gewichtung von Meldungen und Nachrichten im Bezug auf deren Platzierung, Umfang oder Aufmachung, jedoch nicht so sehr über die generelle Selektionsentscheidung.

Die genaue Spezifikation jener Nachrichtenfaktoren heutiger Theoretiker ist durchaus unterschiedlich, jedoch lässt sich erkennen, dass insbesondere Betroffenheit, Personalisierung und Emotionalisierung fast immer eine entscheidende Rolle bei der Nachrichtenauswahl spielen (vgl. Maier 2010: 44).

In der heutigen Forschung besitzt die Nachrichtenwerttheorie nicht nur Relevanz bei der Anwendung auf die journalistische Selektion. Es können ebenfalls Aussagen über die Rezeption der Berichterstattung durch das Medienpublikum gemacht werden (vgl. Maier 2010: 13). Nachrichtenfaktoren sind nicht auf das professionelle journalistische Handwerk begrenzt, sondern stellen allgemeine kognitionspsychologische Mechanismen dar (vgl. ebd.: 26). Die Rezeption der Nachrichten durch das Publikum beeinflusse daraufhin wieder den Selektionsprozess der Journalisten.

Kritische Stimmen zur Nachrichtenwerttheorie existieren heute immer noch. So bemängeln beispielsweise Kepplinger und Rouwen den geringen prognostischen Gehalt (Kepplinger/ Rouwen 2000: 463). Nichtsdestotrotz dient die Theorie auch heute noch als Basis für zahlreiche empirische Studien und bestimmt unser Verständnis von Nachrichten und deren Auswahl und Gewichtung innerhalb der Medien.

Eric Ziese

Literatur

Boetzkes, Claus-Erich (2008). Organisation als Nachrichtenfaktor: Wie das Organisatorische den Content von Fernsehnachrichten beeinflusst. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Fretwurst, Benjamin (2008). Nachrichten im Interesse der Zuschauer: eine konzeptionelle und empirische Neubestimmung der Nachrichtenwerttheorie. Konstanz: UKV Verlagsgesellschaft mbH.
Galtung, Johan / Ruge, Mari Holmboe (1965). „The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crisis in Four Norwegian Newspapers.“ Journal of Peace Research. 2:1 (1965): 65-68.
Kepplinger, Hans / Bastian Rouwen (2000). Der prognostische Gehalt der Nachrichtenwert-Theorie. Publizistik 45:4, S. 462-475.
Lippmann, Walter (1922). Public opinion. New York: MacMillan.
Maier, Michaela / Karin Stengel / Joachim Marschall (2010). „Nachrichtenwerttheorie“. Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Hrsg. Patrick Rössler / Hans-Bernd Brosius. Baden-Baden: Nomos.
Uhlemann, Ingrid Andrea (2012). Der Nachrichtenwert im situativen Kontext: Eine Studie zur Auswahlwahrscheinlichkeit von Nachrichten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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