Rein theoretisch: Kultivierungshypothese

Im Kontext der Medienwirkungsforschung stößt man neben Begriffen wie Agenda Setting und Schweigespirale auch immer wieder auf die sogenannte Kultivierungshypothese, welche seit den 80er Jahren ebenfalls zu den meistbeachteten theoretischen Ansätzen der Medienwirkungsforschung gehört (vgl. Lücke 2007: 39). Diese seit Ende der 1960er Jahre vom amerikanischen Kommunikationswissenschaftler George S. Gerbner entwickelte Theorie besagt, dass häufiger Medienkonsum dazu führe, dass Konsumenten die reale Welt eher so wie die medial dargestellte Welt wahrnehmen (vgl. Kroeber-Riel 2013: 667). Dabei kommt der Theorie zufolge dem damals noch jungen, aber sehr erfolgreichen Medium Fernsehen neben der Familie und dem Freundeskreis die Rolle des Sozialisationsagenten unseres Zeitalters zu (vgl. Wulff 2008: 274). Das Fernsehen sei demnach das entscheidende Massenmedium der modernen Gesellschaft, welches aufgrund seiner allgegenwärtigen Verfügbarkeit, seiner scheinbaren Realitätsnähe sowie der Konsistenz der transportierten Botschaften zur Formung eines kollektiven Bewusstseins in der Kultur beitrage (vgl.: ebd.). Nicht zuletzt deshalb wird das Fernsehen auch als ‚kultureller Schmelztiegel‘ der amerikanischen Nation bezeichnet (vgl. Vitouch 2007: 18).

Inhaltsanalysen haben in diesem Zusammenhang gezeigt, dass die TV-Realität häufig übertrieben, verzerrt oder idealisiert dargestellt wird (vgl. Krober-Riel 2013: 667). Die kumulativ und konsonant auf einem hohen Niveau angebotene Gewalt im Fernsehen kultiviere medienspezifische Bilder in den Köpfen der Zuschauer und mache diese ängstlich (vgl. Bonfadelli 2008a: 837). Vielseher nehmen demnach, längerfristig betrachtet, ihre Umwelt im Vergleich zu den Wenigsehern durch eine ’TV-Brille’ war (vgl. ebd.). Es zeigt sich, dass Vielseher die Realität letztlich für viel gewalttätiger halten als Wenigseher (vgl. Wulff 2012). Gleichzeitig zeichnen sich erstere auch durch eine größere Angst vor Gewalt und durch Misstrauen gegenüber den Mitmenschen aus (vgl. ebd.). Letztlich haben sie damit insgesamt eher den Eindruck in einer „gemeinen und gefährlichen Welt“ („mean world“) zu leben (vgl. Hasebrink 2006: 190). Anders als der Begriff der Mediensozialisation beinhaltet der Begriff der Kultivierung eine explizit kritische Haltung gegenüber den Medien und ihren langfristigen Einfluss auf die Realitätswahrnehmung der Menschen (vgl. ebd.: 189).

Auch wenn es in Bezug auf die Operationalisierung des Konstrukts „Vielseher“ viel Kritik gab, zudem nicht-lineare Beziehungen zwischen Medienkonsum und Realitätsverzerrung ebenfalls beobachtet werden konnten und schließlich auch zusätzliche Kontrollvariablen (Bildung, Wohnort, etc.) berücksichtigt werden sollten, lässt sich die Kernthese der Theorie doch durch über 300 empirische Studien stützen (vgl. Kroeber- Riel 2013: 668). Damit gilt die Kultivierungsthese als empirisch relativ breit abgesichert, auch wenn die dokumentierten mittleren Kultivierungseffekte in den meisten Studien als relativ schwach bezeichnet werden müssen (vgl. Bonfadelli 2008a: 837). Journalisten müssen sich vor dem Hintergrund fragen, aus welcher Perspektive sie über ein kontroverses Thema berichten (ebd.). Meist liegen der Berichterstattung sogenannte Medienframes zugrunde, welche bestimmte Aspekte der Realität betonen und in den Vordergrund rücken, während andere Aspekte abgeschwächt werden und in den Hintergrund treten (ebd.).

Auf der Basis der Annahme des Kultivierungseffekts formulierte Gerbner später das sogenannte ‚Mainstreaming-Konzept‘, demzufolge das Fernsehen Einstellungsunterschiede in der Bevölkerung angleiche und zu einer Konvergenz der Standpunkte führe (vgl. Wulff 2012). Die Menschen würden durch das Fernsehen demnach auf ein gemeinsames Mittelmaß hin beeinflusst (vgl. Hasebrink 2006: 190). Auch die sogenannte Resonanz-Annahme wurde aus der Kultivierungshypothese entwickelt. Sie besagt, dass eine Botschaft des Fernsehens, die mit den Alltagserfahrungen des Rezipienten übereinstimmt, die Kultivierungseffekte zusätzlich verstärkt; stimmen sie nicht überein, schwächen sich auch die Effekte ab (vgl. ebd.). Allerdings werden oft konvergierende (also: einander verstärkende) Programme selektiert (ebd.).

Winfried Schulz hat Gerbners Methode im Jahr 1986 auf Deutschland übertragen und vergleichbare Ergebnisse erhalten, so dass auch hier eine Korrelation zwischen TV-Konsum und Angst bzw. Depression plausibel erschien, wenn sie auch nicht als monokausal erklärbar anzusehen war (vgl. Wulff 2008: 277). Neben genaueren Longitudinal-Untersuchungen oder experimentellen Studien gibt es auch aktuelle Arbeiten der Medienforschung (z.B. zur Wirkung der Online-Video-Games), die sich bewusst auf den Kultivierungsansatz beziehen (ebd.).

Catharina Gerber

Literatur

Bonfadelli, Heinz (2008a). „Medienwirkungsforschung“. Rhetorik und Stilistik. Hrsg. Ulla Fix/ Andreas Gardt/ Joachim Knape. Berlin: Mouton de Gruyter. S. 837-850.
Bonfadelli, Heinz /Mirko Marr (2008b). „Informationsleistungen von Medien im Vergleich“. Medien & Kommunikationsforschung im Vergleich. Hrsg. Gabriele Melischeck/ Josef Seethaler/Jürgen Wilke. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 359-383.
Hasebrink, Uwe (2006). „Kultivierung“. Medien von A bis Z. Hrsg. Hans-Bredow-Institut. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 188-190
Kroeber-Riel, Werner/Andrea Gröppel-Klein (2013). Konsumentenverhalten. München: Wahlen.
Lücke, Stephanie (2007). Ernährung im Fernsehen. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Vitouch, Peter (2007). Fernsehen und Angstbewältigung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Wulff, Hans Jürgen/ Ingo Lehmann (2008). „Kultivierungshypothese (Cultivation Hypothesis)“. Handbuch Medienpädagogik. Hrsg. Uwe Sander/ Friedericke von Gross/ Kai-Uwe Hugger. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 274- 277.
Wulff, Hans Jürgen (2012). „Kultivierungshypothese“. Filmlexikon Uni-Kiel.<http://filmlexikon. uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det& id=4651>. (30. Jul. 2015)

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