Rausgepickt und Überblickt: Unveiling television’s apparatus on screen as a ‘para-interactive’ strategy

Der Artikel Unveiling television’s apparatus on screen as a ‘para-interactive’ strategy der israelischen Wissenschaftlerin Oranit Klein Shagrir erschien 2015 in der Zeitschrift Media, Culture & Society (Vol. 37(5) 737–752).

Er handelt von der zunehmenden Sichtbarkeit des Apparats Fernsehen als Folge der aktuellen Medienentwicklung zu mehr Interaktion und Partizipation.

Zunächst stelle ich den Inhalt des Artikels vor. Darauf basierend diskutiere ich das beschriebene Phänomen auch in Hinblick auf das deutsche Fernsehen. Abschließend folgt eine Bezugnahme auf die Apparatustheorie, die sowohl in dem Artikel von Klein Shagrir als auch in der Hausarbeit Wo Unsichtbares sichtbar wird und die Ursache unsichtbar bleibt von Susan Engels thematisiert wird.

Klein Shagrir beginnt ihren Artikel mit einer Zusammenfassung der Medienentwicklung der letzten Jahre. Sie legt den Fokus auf die zunehmende Vermischung der Rollen von Produzenten und Empfängern medialer Mitteilungen. Das Publikum konsumiert nicht nur Medien, sondern nimmt häufiger aktiv an ihnen teil. Die Interaktivität ist dabei das Versprechen, dass alle Teilnehmer an der Produktion der Mitteilung mitwirken können. Unterstützt wird die Öffnung des Zugangs zur Medienproduktion durch die technische und kulturelle Entwicklung zu mehr Mitwirkungsmöglichkeiten. Während das Internet aufgrund dieser Möglichkeiten als sehr interaktives Medium gilt, kann das Fernsehen nur bedingt Interaktionen bieten. Die Zuschauer können beispielsweise durch das Abstimmen für ihre Favoriten in TV-Shows oder durch das eigene Auftreten in Shows partizipieren. Die Fernsehproduzenten entwickeln Strategien, um mehr Interaktivität für ihr Medium zu ermöglichen. In diesem Kontext führt Klein Shagrir den Begriff der Parainteraktivität ein.

Para-interactivity is a term that brings together several salient elements in contemporary television texts as well as positing a contemporary context for established and familiar television strategies. These strategies are ‘para-interactive’ in that the features or elements embraced by television echo interactive communication processes and are characteristic of digital media and participatory culture, but when employed by and adapted to television, they do not usually construct communication that is actually interactive (S. 740).

Die Parainteraktivität beschreibt Strategien, die eine Interaktivität vorgeben, wo in Wirklichkeit keine vorhanden ist. Eine solche Strategie ist nach Meinung der Autorin das Enthüllen des Apparats Fernsehen auf den Bildschirmen. Klein Shagrir untersucht sie am Primetimeprogramm des israelischen Fernsehens. Sie stellt dabei fest, dass beinahe alle untersuchten Programme von zusätzlichen Inhalten oder Backstage-Einblicken, die den Produktionsprozess zeigen, begleitet werden.

Des Weiteren zeigt die Untersuchung eine bidirektionale Entwicklung auf: Während sich die Fernsehkameras zurückziehen und dem Zuschauer einen Blick in den Produktionsraum erlauben, treten die Elemente, die traditioneller Weise Bestandteile des Backstage-Bereichs sind, wie z.B. Auditions, als Bühnenaufführung in den Vordergrund. Die Zuschauer sollen sich als Teil der Produktion fühlen. Klein Shagrir sieht jedoch die Öffnung zur Welt des Fernsehens und seiner Produktion kritisch. Sie bezeichnet sie als „simulation of a changed relationship with its audience“ (S.748) und “staged back stage” (ebd.). Denn in Wirklichkeit kann der Zuschauer nicht an der Produktion mitwirken. Er sieht auch nur die Elemente des Backstage-Bereichs, die er sehen soll:

„As the apparatus of television becomes seemingly visible on screen, the actual back stage is protected behind fences“ (S.748).

Klein Shagrir macht in ihrem gut strukturierten Artikel deutlich, dass das Fernsehen eigene Strategien entwickelt, um in Zeiten gesteigerter Interaktivität attraktiv zu bleiben. Der kritische Ansatz des “staged back stage” (S. 748) deckt auf, dass die Strategien eine Illusion vermitteln. Der Zuschauer soll das Gefühl haben, Teil der Produktion zu sein, ohne jedoch überhaupt einen Einfluss üben zu können. Auf der anderen Seite muss aber auch bedacht werden, dass das Fernsehen eben nicht wie das Internet unendlich viele Möglichkeiten der Partizipation und Interaktion beinhaltet. Klein Shagrir geht zwar auf diesen Aspekt ein, lässt ihn jedoch bei ihrer Kritik zu kurz kommen. Die Fernsehproduzenten schöpfen bereits viele dieser Möglichkeiten aus und dies nicht nur in dem von der Autorin untersuchten israelischen Programm. Auch das deutsche Fernsehen verfolgt Strategien, um mehr Interaktivität zu erreichen, was nicht zuletzt an den international populären Fernsehformaten liegt. Das Format The Voice bringt die traditionell in den Backstagebereich gehörenden Auditions auf die Bühne, das Format Deutschland sucht den Superstar strahlte als Ableger von Pop Idol über mehrere Jahre ein begleitendes Backstageprogramm unter dem Titel DSDS-das Magazin aus.

Der Artikel von Klein Shagrir beschreibt eine Strategie der Offenlegung des Fernsehapparats, die einen Vergleich mit der des Mediums Film wert ist. Susan Engels setzt sich in ihrer Hausarbeit Wo Unsichtbares sichtbar wird und die Ursache unsichtbar bleibt mit der Selbstreflexivität in Godards Film Le Mépris auseinander und stellt dabei fest, dass diese auf allen Ebenen prinzipiell möglich ist, es jedoch eine Problematik gibt: Die Kamera kann sich als Apparatur nicht selbst filmen. Damit zeigt Susan Engels die Grenzen filmischer Autothematisierung. Der Film kann ebenso wie das Fernsehen nur bedingt dem Zuschauer einen neuen Blick eröffnen. Es ist aber anzumerken, dass Filme grundsätzlich zum Ziel haben, den Zuschauer die Apparatur vergessen zu lassen und ihn in ihren Bann zu ziehen, auch Realitätseffekt genannt, während Fernsehshows durch das Sichtbarmachen des Produktionsbereichs einen zusätzlichen Unterhaltungswert generieren.

Jasmin Kermanchi

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