Loslassen – ein Geleitwort von Prof. Dr. Volker Lilienthal

Das kennen alle Autoren, gleich ob Studierende, fertige Wissenschaftler, Schriftsteller oder Journalisten: die Starre vor dem leeren Blatt Papier, die verzweifelte Suche nach dem ersten Satz, den horror vacui. Da empfiehlt sich: Loslassen! Getreu dem Motto dieser Ausgabe von StuZ MuK. Doch leichter gesagt als getan. Frisch ans Werk: eine steile These an den Anfang stellen? Oder nicht doch besser ein Zitat? Eine anschauliche Szene, die den Leser mitten ins Thema führt? Eine Idee muss her, besser zwei und dann die Entscheidung, welche die beste ist.

Loslassen kann aber auch bedeuten, mit dem linearen Erzählen zu brechen. Also vielleicht nicht den Anfang zuerst schreiben, sondern ein Mittelstück zu einem Aspekt, bei dem man sich besonders sicher fühlt. Ist dieser Baustein erst mal abgespeichert, kann das ganze Werk, die Bachelor- oder Masterarbeit, rund um diesen Nukleus wachsen. Bei Dissertationen ist das sogar eher die Regel: erst Forschungsstand und Theorie, Methodik und Ergebnisse. Das große Vorwort voll der Versprechungen, wieviel Desiderate man entdeckt hat und wieviel Forschungslücken man zu schließen gedenkt, wird ganz zum Schluss, mit letztem Atem, aufgesetzt.

Wissenschaftliches Schreiben ist ein Handwerk, also erlernbar. Es gehört aber weit mehr dazu als Zitationsregeln, ein gut gefülltes Citavi, routinierter Referatestil und ein bisschen Struktur. Orthographie und Grammatik sollten selbstverständlich sein – aber sind sie das? Und wie steht es um den Stil, um die richtige Tonlage? Nüchternheit, Klarheit und der Verzicht auf Umgangsdeutsch und schlechte Metaphern gehören ganz bestimmt zu den Grundsätzen guten wissenschaftlichen Schreibens. Trotz Sachlichkeit darf man der eigenen Abschlussarbeit aber auch sprachlich Leidenschaft einhauchen. Indem man zum Beispiel die Koryphäen des Faches nicht nur gläubig zitiert und monoton referiert, sondern sich mit ihnen kritisch und argumentativ auseinandersetzt. Das erst macht dem Prüfer die eigene Gedankenarbeit glaubhaft.

Wie machen es die anderen? Es ist kein Plagiat, wenn man sich beim Schreibenlernen am ‚Kopieren alter Meister‘ versucht. Malen lernt man beim genauen Blick auf Rembrandt, Picasso, Richter – Schreiben beim Lesen guter Bücher. Und die müssen nicht mal wissenschaftlich sein.

Und später dann die Dissertation? Ein anstrengendes Unterfangen. Drum prüfe, wer sich auf drei, vier Jahre bindet. Wen aber die Kraft auf der Strecke verlässt, der sollte Mut zum Verzicht haben. Wieder heißt es: Loslassen!

Prof. Dr. Volker Lilienthal


Volker Lilienthal ist Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft.

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