Filmtipp: Venus im Pelz

Ein Geschlechterkampf auf verschwommenen Ebenen: Polanskis Venus im Pelz.

Theaterregisseur Thomas (Mathieu Almaric) verzweifelt nach einem Tag voller Castings fast an der mangelnden Auswahl an Darstellerinnen für seine Hauptrolle. Er sucht eine gebildete, schöne und starke Frau, die die Wanda von Dunajew in seiner Adaption von Sacher-Masochs Novelle Venus im Pelz verkörpert. Er sucht: eine Venus eben. Als das Casting lange vorbei ist, öffnet sich noch einmal die Tür des Theaters und herein kommt Wanda (Emmanuelle Seigner). Sie verkörpert das genaue Gegenbild zu dem, was Thomas sucht: Sie ist grob, ungebildet und naiv. Doch dann beginnt sie zu spielen und beide versinken zunehmend in die Novelle, deren Autor namensgebend für den Masochismus war.

Roman Polanski gelingt es mit dieser Adaption, Kinoliebhabern gerecht zu werden und gleichzeitig Leopold von Sacher- Masochs Novelle von 1870 zu erzählen – sie gar weiter zu spinnen. Während Wanda und Thomas sich immer weiter in der intradiegetischen Welt* von Venus im Pelz verlieren, wird der Zuschauer durch plötzliche Unterbrechungen immer wieder in die Rahmenhandlung des Films zurückgeholt. An einem Punkt wechseln die Figuren jedoch in eine dritte, metadiegetische Erzählebene hinüber – diegetische ,Realität´ und intradiegetisches ,Spiel´ verschwimmen.

Die Adaption Polanskis beruht nicht lediglich auf Sacher- Masochs Novelle; er hat sich wie schon zuvor bei Gott des Gemetzels als Grundlage ein Theaterstück gesucht. Mit der Positionierung der Figuren auf der Bühne, übertriebener Theaterkostümierung und den leeren Publikumsreihen auf der einen und Kameraeinstellungen, Musik und Ton auf der anderen Seite, schafft er eine Atmosphäre, die Theater und Film vereint. Die Medialität beider Medien kommt hier voll auf ihre Kosten. Wenn Thomas Wanda einen imaginären Kaffee einschenkt und der Zuschauer das Klirren der Tasse und das Plätschern des Kaffees tatsächlich hört, gelingt Polanski ein fließender Übergang von Theater zu Film und Spiel zu Realität.

Die Effekte übertünchen jedoch nicht die Kernaussagen von Sacher-Masochs Werk: „Gott hat ihn gestraft und ihn in die Hände eines Weibes gegeben.“ Das Bibelzitat ist das Motto der Novelle und wird bereits darin auf Herz und Nieren überprüft. Polanski schließt sich dem an – sein erweitertes, an das Theaterstück von David Ives‘ angelehntes Ende wirft für den Zuschauer jedoch andere Fragen ob der Richtigkeit des Zitates auf als die Novelle. Das Spiel mit Dominanz und Unterwerfung steht jedoch in allen drei Ausführungen von Venus im Pelz im Vordergrund.

Neben Geschichte und Effekten überzeugen in dieser Adaption die darstellerischen Fähigkeiten der beiden Schauspieler. Beide beeindrucken im Wechsel zwischen den Erzählebenen mit Vielfältigkeit im Ausdruck, die den Zuschauer nahtlos in die verschiedenen diegetischen Welten des Films hinübergleiten lässt: Der Zuschauer ist wie aus einem Traum herausgerissen, wenn Schauspielerin Wanda ihre Darstellung der Wanda von Dunajew durch lautes Zwischenpöbeln plötzlich unterbricht.

Polanski hat mit Venus im Pelz einen Film geschaffen, der zu Recht mit dem „Prädikat besonders wertvoll“ ausgezeichnet wurde. Die Novelle zu lesen ist für das Filmverständnis zwar kein Muss, lohnt sich aber auch unabhängig davon.

Antonia Schaefer

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